Beifahrer Übung – Emotionen

Vor einigen Jahren sagte ich in Zeiten meiner eigenen Krise zu meiner Therapeutin, dass ich eigentlich große Lust hätte, tanzen zu gehen, gleichzeitig aber Angst davor hätte. Ihre Antwort war ebenso schlicht wie überraschend: „Dann mach es eben mit Angst.“ Dieser Satz ist mir im Gedächtnis geblieben, weil er etwas verändert hat. Ich musste die Angst nicht erst loswerden, um tanzen gehen zu dürfen. Ich konnte sie einfach mitnehmen.

Vielleicht gibt es auch in deinem Leben gerade etwas, das du gerne tun möchtest, aber ein Gefühl scheint dich davon abzuhalten. Vielleicht möchtest du ein Gespräch führen, eine Einladung annehmen, dich mit etwas Neuem zeigen, spazieren gehen oder dir einfach einen schönen Tag machen. Gleichzeitig sind da Angst, Unsicherheit, Traurigkeit oder innere Unruhe. Oft warten wir dann darauf, dass sich unser Gefühl endlich verändert: Wenn ich keine Angst mehr habe, gehe ich los. Wenn ich mich sicher fühle, wage ich es. Wenn die Traurigkeit vorbei ist, darf ich wieder etwas Schönes erleben. Doch vielleicht musst du gar nicht warten. Für diese kleine Übung kannst du dir einige Minuten Zeit nehmen und dich so hinsetzen, dass du dich wohl und sicher fühlst.
Spüre zunächst deine Füße auf dem Boden und nimm wahr, wie die Sitzfläche dich trägt. Atme einige Male ruhig ein und aus. Du musst dabei nichts Bestimmtes erreichen und auch nicht besonders entspannt sein. Nimm einfach wahr, welches Gefühl gerade da ist und dich möglicherweise zurückhält. Benenne es behutsam: Da ist Angst. Da ist Unsicherheit. Da ist Traurigkeit. Stell dir nun vor, dieses Gefühl hätte eine Gestalt. Wie würde es aussehen? Vielleicht ist es groß oder ganz klein, hell oder dunkel, schwer oder wuselig. Vielleicht hat es eine Farbe, eine Stimme oder sogar eine etwas schräge Frisur. Lass das erste Bild entstehen, ohne lange darüber nachzudenken. Nun stell dir vor, vor dir steht ein Auto. Dieses Auto gehört dir. Du entscheidest, wohin es fährt, und du sitzt am Steuer. Öffne in deiner Vorstellung eine Tür und erlaube deinem Gefühl, mitzukommen. Vielleicht möchte es auf dem Beifahrersitz sitzen. Vielleicht fühlt es sich auf der Rückbank wohler oder braucht noch etwas mehr Abstand. Du musst es nicht in den Kofferraum sperren und auch nicht aus dem Auto werfen. Es darf da sein. Schau es einen Moment lang an und sage innerlich: „Ich sehe dich. Du darfst mitkommen. Aber ich bleibe am Steuer und entscheide, wohin wir fahren.“ Spüre dabei noch einmal deine Füße auf dem Boden und stell dir deine Hände am Lenkrad vor. Nimm wahr, ob sich in deinem Körper etwas verändert, wenn du deinem Gefühl einen Platz gibst, ohne ihm die Führung zu überlassen. Dann richte deinen Blick auf das, was du eigentlich möchtest. Wo willst du hin? Was möchtest du erleben, obwohl dieses Gefühl gerade da ist? Vielleicht führt deine innere Fahrt zu einem Tanzabend, zu einem Gespräch, zu einem Spaziergang, zu einer Verabredung oder einfach zu einer Tasse Tee in der Sonne. Stell dir dieses Ziel möglichst konkret vor. Du musst noch nicht den ganzen Weg schaffen. Frage dich nur: Was wäre mein erster kleiner Schritt? Vielleicht ziehst du deine Schuhe an, schreibst eine Nachricht, öffnest die Tür, suchst ein Lied aus oder stehst einfach vom Sofa auf. Sage deinem Gefühl noch einmal: „Du darfst mitkommen. Und ich gehe trotzdem los.“

Öffne anschließend in deinem eigenen Tempo die Augen und nimm deine Umgebung wieder bewusst wahr. Vielleicht ist dein Gefühl noch da. Das bedeutet nicht, dass die Übung nicht funktioniert hat. Es ging nicht darum, das Gefühl verschwinden zu lassen. Es ging darum, dir selbst wieder einen Platz am Steuer zu geben. Du darfst Angst haben und trotzdem tanzen. Du darfst unsicher sein und trotzdem etwas Neues ausprobieren. Du darfst traurig sein und trotzdem einen schönen Moment erleben. Dein Gefühl ist ein Teil deiner augenblicklichen Erfahrung, aber es muss nicht allein darüber entscheiden, wie dein Tag weitergeht. Und wenn ein Gefühl einmal so stark ist, dass du dich überfordert oder nicht mehr sicher fühlst, musst du dich zu nichts zwingen. Dann darfst du anhalten, dich stabilisieren und dir Unterstützung holen. Doch manchmal reicht es, dem Gefühl freundlich zu sagen: „Komm, ich nehme dich mit. Aber fahren werde heute ich.“