Warum muss eigentlich immer alles so anstrengend sein? Diese Frage kam mir neulich nicht während einer tiefen Meditation oder bei einer besonderen Erkenntnis, sondern mitten in unserem Garten – mit einem 30 Meter langen Gartenschlauch in der Hand. Dieser Schlauch lag vollkommen abgerollt, verdreht und ineinander verwurstelt auf dem Boden. Ich wollte eigentlich nur etwas Wasser in unseren kleinen Gartenteich laufen lassen. Bis zum Teich waren es vielleicht zwei Meter. Aber aus irgendeinem Grund war ich überzeugt: Bevor ich das Wasser anstellen kann, muss ich erst diesen gesamten Gartenschlauch ordentlich aufwickeln. Also begann ich, gegen dieses widerspenstige Ding anzukämpfen. Je mehr ich versuchte, Ordnung hineinzubringen, desto stärker verhedderte sich der Schlauch – und desto mehr verhedderte ich mich innerlich gleich mit. Ich wurde wütend, zunehmend überfordert und war irgendwann kurz davor, entweder in Tränen auszubrechen oder den ganzen Schlauch in die Tonne zu werfen.
Musst du den ganzen Schlauch erst aufwickeln?
Dann hielt ich plötzlich inne und dachte: Andrea, was machst du hier eigentlich? Du willst doch nur Wasser in den Teich lassen. Warum musst du dafür erst 30 Meter Gartenschlauch perfekt aufwickeln? Ich ließ den Schlauch einfach liegen, nahm nur das Ende, legte es in den Teich und stellte das Wasser an. Meine eigentliche Aufgabe war damit erledigt. Anschließend setzte ich mich mit einer Tasse Kaffee hin und genoss den Moment. Während ich dort saß, fragte ich mich: Wie häufig wickeln wir in unserem Leben einen Schlauch auf, den wir überhaupt nicht aufwickeln müssten? Wir haben ein bestimmtes Ziel oder ein eigentlich ganz einfaches Bedürfnis, fügen auf dem Weg dorthin aber immer mehr Bedingungen und Zusatzaufgaben hinzu. Ich möchte mich ausruhen, aber vorher muss ich noch putzen, bügeln, die Küche aufräumen, eine Nachricht beantworten und möglichst auch schon etwas für morgen vorbereiten. Ich möchte eine Aufgabe erledigen, glaube aber, sie müsse besonders gründlich, vollständig und perfekt gemacht werden. Erst wenn alles ordentlich ist, darf ich mich auf die Couch setzen. Erst wenn niemand mehr etwas von mir erwarten könnte, darf ich zufrieden sein. Erst wenn die gesamte Liste abgearbeitet ist, darf ich meinen Kaffee genießen.
Die ewige To do Liste
Das Problem ist nur: Unser Alltag ist niemals vollständig erledigt. Auf einer Aufgabenliste kommt häufig schneller etwas Neues hinzu, als wir das Alte abhaken können. Wenn unsere Erlaubnis zur Ruhe daran geknüpft ist, dass vorher wirklich alles erledigt sein muss, werden wir wahrscheinlich niemals bei dieser Ruhe ankommen. Dabei geht es mir überhaupt nicht darum, nichts mehr zu leisten, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen oder grundsätzlich immer den leichtesten Weg zu nehmen. Es geht vielmehr darum, unsere Kraft für das einzusetzen, was uns wirklich wichtig ist. Manchmal verbrauchen wir einen großen Teil unserer Energie nicht für unser eigentliches Ziel, sondern für all die zusätzlichen Bedingungen, die wir selbst darum gebaut haben. Deshalb lohnt es sich, zwischendurch zu überprüfen: Ist das, was ich gerade tue, wirklich notwendig für das, was ich erreichen möchte? Oder rolle ich gerade wieder einen 30 Meter langen Gartenschlauch auf, obwohl ich eigentlich nur zwei Meter davon brauche?
Besser ich mache es selbst
Ich kenne dieses Muster auch aus meiner eigenen Geschichte und aus meiner Arbeit mit Patientinnen und Patienten. Kontrolle, Vorausschau und Verantwortungsübernahme können uns ein Gefühl von Sicherheit geben. Wenn ich frühzeitig darüber nachdenke, was ein anderer Mensch brauchen oder von mir erwarten könnte, wenn ich alles im Blick behalte und möglichst gut vorbereite, dann kann mich hinterher niemand damit überraschen, dass ich etwas vergessen habe. Ich weiß außerdem selbst, wie eine Aufgabe erledigt wurde, und kann mich darauf verlassen, dass sie meinen Ansprüchen entspricht. Diese Strategie kann durchaus hilfreich sein. Anstrengend wird sie, wenn sie automatisch in allen Lebensbereichen weiterläuft und wir nicht mehr unterscheiden können, wo Kontrolle wirklich notwendig ist und wo sie uns vor allem Kraft kostet. Auch Perfektionismus bedeutet nicht einfach, etwas gut machen zu wollen. Belastend wird er, wenn unser Wohlbefinden und unsere innere Ruhe davon abhängen, dass etwas fehlerfrei oder vollständig erledigt wurde. Dann geht es nicht mehr nur um die Aufgabe. Durch das richtige Erledigen versuchen wir gleichzeitig, uns sicher, wertvoll oder unangreifbar zu fühlen. Und weil „perfekt“ selten ein eindeutiges Ende hat, bleibt unser Körper im Funktionsmodus.
Wofür will ich meine Energie nutzen?
Selbst wenn wir schließlich auf der Couch sitzen, arbeitet unser Kopf weiter. Mit diesem Gedanken bin ich bei einer Frage angekommen, die mich momentan sehr beschäftigt: Wie gehe ich eigentlich mit meiner Energie um? Eine Freundin von mir ärgert sich beispielsweise regelmäßig darüber, dass ihr Mann über den gerade frisch gewischten Boden läuft. Ihr erster verständlicher Impuls lautet: Wie gehst du eigentlich mit meiner Energie um? Ich habe hier Zeit und Kraft hineingesteckt, und du gehst einfach darüber hinweg. Doch nachdem sich diese Situation jahrelang wiederholt hatte, stellte sie sich eine andere Frage: Wie gehe ich selbst mit meiner Energie um? Das bedeutet nicht, dass sie sich nun alles gefallen lassen oder ihre Bedürfnisse verschweigen soll. Sie kann das Problem ansprechen, eine Grenze setzen, Aufgaben anders verteilen oder entscheiden, etwas zukünftig nicht mehr zu übernehmen. Sie kann aber auch in einem bestimmten Moment bewusst feststellen, dass sie dieser Angelegenheit nicht noch mehr Kraft geben möchte. Der Unterschied liegt darin, nicht immer wieder automatisch in dieselbe Reaktion hineinzurutschen, sondern den eigenen Handlungsspielraum zurückzugewinnen. Dazu passt ein Gedanke von Mel Robbins, der mich gerade begleitet: „Let them“ – lass sie. Lass andere Menschen manches anders machen, anders denken oder anders bewerten, als du es tun würdest. Das heißt nicht: Lass dir alles gefallen. Es bedeutet zunächst nur, anzuerkennen, dass wir andere Menschen nicht vollständig kontrollieren können. Der für mich mindestens ebenso wichtige zweite Teil lautet: „Let me“ – lass mich. Lass mich durchatmen. Lass mich wahrnehmen, was diese Situation mit mir macht. Lass mich entscheiden, ob ich etwas ansprechen, eine Grenze setzen, mein Verhalten verändern oder meine Energie an dieser Stelle zurücknehmen möchte.
Zwei wesentliche Fragen
Wenn wir aufhören, unsere gesamte Kraft dafür einzusetzen, andere Menschen zu verändern, entsteht wieder mehr Raum für die Frage, wie wir selbst handeln wollen. Vielleicht bemerkst du in den nächsten Tagen einen Moment, in dem etwas plötzlich unglaublich anstrengend wird. Versuche dann nicht sofort, noch mehr Kraft aufzubringen. Halte einen Augenblick inne und stelle dir zwei Fragen: Ist das, was ich gerade tue, wirklich notwendig für das, was ich erreichen möchte? Und wie möchte ich gerade mit meiner Energie umgehen? Vielleicht möchtest du bewusst weitermachen, weil dir die Sache wichtig ist. Vielleicht kannst du sie einfacher gestalten, Unterstützung annehmen oder einen Teil davon verschieben. Vielleicht braucht es eine klare Grenze. Und vielleicht stellst du fest, dass du etwas vollständig weglassen darfst. Es geht nicht darum, immer die bequemste Lösung zu wählen. Es geht darum, wieder bewusst wählen zu können.
Viele Menschen sehnen sich nach mehr Leichtigkeit und machen daraus unbemerkt gleich die nächste Aufgabe. Sie glauben, sie müssten Entspannung, Lebensfreude oder Gelassenheit zusätzlich herstellen und besonders gut üben. Doch vielleicht entsteht Leichtigkeit manchmal nicht dadurch, dass wir noch etwas tun. Vielleicht entsteht sie, wenn wir eine unnötige Aufgabe streichen, eine überhöhte Erwartung loslassen oder nicht länger versuchen, alles zu kontrollieren. Vielleicht musst du den Schlauch nicht ordentlich aufwickeln. Vielleicht möchtest du eigentlich nur Wasser in den Teich bringen.
Herzlichst Deine
Andrea Götte