Fühlst du dich manchmal egoistisch, wenn du dich um dich selbst kümmerst? Wenn du absagst, obwohl jemand etwas von dir erwartet? Wenn du Ruhe brauchst, obwohl andere gerne noch etwas von dir hätten? Diese Frage begegnet mir in meiner Praxis immer wieder und sie ist oft verbunden mit Schuldgefühlen, Unsicherheit und innerem Druck.
Wie geht es mir eigentlich selber?
Viele Menschen haben große Schwierigkeiten damit, ihre eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Sie spüren zwar, dass sie erschöpft sind, überfordert oder innerlich leer, aber sobald sie beginnen, Grenzen zu setzen oder mehr auf sich zu achten, meldet sich sofort das schlechte Gewissen. Dann taucht schnell die Angst auf, egoistisch zu sein. Doch Selbstfürsorge und Egoismus sind nicht dasselbe. Ganz im Gegenteil. Oft beginnt echte Heilung überhaupt erst dort, wo wir lernen, liebevoll mit uns selbst umzugehen. Viele von uns haben früh gelernt, dass wir Anerkennung bekommen, wenn wir für andere da sind. Wenn wir helfen, funktionieren, Rücksicht nehmen oder unsere eigenen Bedürfnisse hinten anstellen. Vielleicht kennst du Sätze wie: „Sei nicht so schwierig“, „Stell dich nicht so an“ oder „Denk auch mal an die anderen“. Was wir dagegen oft nicht gelernt haben, ist die Frage: „Wie geht es eigentlich dir?“ oder „Was brauchst du gerade?“ So entsteht bei vielen Menschen ein Muster, in dem sie sich ständig um andere kümmern und sich selbst dabei verlieren. Das Problem daran ist nicht die Hilfsbereitschaft. Es ist etwas sehr Schönes, für andere da zu sein. Schwierig wird es dann, wenn wir uns selbst dabei dauerhaft übergehen. Wenn wir immer wieder ja sagen, obwohl unser Körper längst nein schreit. Wenn wir funktionieren, obwohl wir innerlich schon völlig erschöpft sind. Viele Menschen merken erst abends auf der Couch, wie leer sie eigentlich sind. Sie fühlen sich ausgelaugt, gereizt oder traurig und wissen gar nicht mehr genau, wann sie eigentlich aufgehört haben, auf sich selbst zu achten.
Selbstfürsorge ist der Unterschied
Genau an dieser Stelle lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Egoismus und Selbstliebe? Egoismus entsteht oft aus einem inneren Mangelgefühl heraus. Aus Angst, nicht genug zu sein. Nicht genug Aufmerksamkeit zu bekommen, nicht genug Bedeutung zu haben oder zu kurz zu kommen. Der Fokus liegt dabei hauptsächlich auf dem eigenen Vorteil, ohne die Gefühle oder Bedürfnisse anderer wirklich mit einzubeziehen. Hinter egoistischem Verhalten steckt oft ein innerer Kampf, ein Vergleichen, ein ständiges Mehr-Wollen oder die Suche nach Bestätigung. Selbstliebe dagegen hat eine ganz andere Energie. Selbstliebe bedeutet nicht, sich über andere zu stellen. Sie bedeutet auch nicht, nur noch an sich selbst zu denken. Selbstliebe bedeutet, liebevoll mit sich selbst verbunden zu sein. Die eigenen Grenzen wahrzunehmen. Sich selbst ernst zu nehmen. Zu spüren, wann etwas zu viel wird und wann Ruhe, Rückzug oder Unterstützung nötig sind. Die Motivation dahinter ist nicht Angst, sondern Fürsorge. Nicht Härte, sondern Mitgefühl. Vielleicht kennst du das Bild aus dem Flugzeug: Wenn die Sauerstoffmasken herunterfallen, sollst du zuerst dir selbst die Maske aufsetzen und erst danach anderen helfen. Warum? Weil du nur dann wirklich helfen kannst, wenn du selbst genug Luft bekommst.
Dein innerer Akku hat Grenzen
Genau so ist es auch emotional. Wenn dein innerer Akku dauerhaft leer ist, kannst du irgendwann nichts mehr geben. Nicht, weil du schlecht bist, sondern weil nichts mehr da ist, was fließen kann. Viele Menschen glauben, sie müssten sich ihre Daseinsberechtigung durch Leistung, Anpassung oder Aufopferung verdienen. Doch Liebe entsteht nicht dadurch, dass wir uns selbst verlieren. Im Gegenteil. Je mehr wir in Verbindung mit uns selbst kommen, desto echter und liebevoller können wir auch anderen begegnen. Der Weg in die Selbstliebe beginnt oft mit einem Perspektivwechsel. Ein Nein ist nicht automatisch gegen jemanden gerichtet. Ein Nein kann ein Ja zu dir selbst sein. Ein Ja zu deiner Gesundheit. Zu deinem inneren Gleichgewicht. Zu deinem Bedürfnis nach Ruhe oder Klarheit. Grenzen setzen bedeutet nicht, andere abzulehnen. Es bedeutet, dich selbst nicht länger zu verlassen. Ein wichtiger erster Schritt ist deshalb überhaupt wahrzunehmen, wann deine Grenzen überschritten werden. Wo wird es zu viel? Wo sagst du aus Angst ja, obwohl du eigentlich nein meinst? Der Körper gibt dabei oft sehr ehrliche Signale. Vielleicht spürst du Enge im Hals, Druck im Bauch, Unruhe oder Herzrasen. Unser Körper reagiert häufig schneller als unser Verstand.
Wichtige Fragen an dich selbst!
Und genau deshalb ist es so wichtig, wieder mehr in Kontakt mit dem eigenen Körpergefühl zu kommen. Wenn du lernst, diese Signale ernst zu nehmen, entsteht nach und nach ein innerer Kompass. Dann kannst du dich fragen: Will ich das wirklich? Oder tue ich es nur aus Angst vor Ablehnung, Streit oder Schuldgefühlen? Was braucht mein Herz gerade wirklich? Mehr Rückzug? Mehr Ruhe? Mehr Nähe zu mir selbst? Selbstliebe bedeutet auch, Verantwortung für das eigene Wohlbefinden zu übernehmen. Nicht im Sinne von Perfektion oder Selbstoptimierung, sondern im Sinne einer liebevollen inneren Haltung. Es geht darum, dir selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen. Dich nicht ständig zu überfordern. Und auch anzuerkennen, dass du Grenzen hast. Viele Menschen glauben, sie müssten immer stark sein. Aber wahre Stärke entsteht oft erst dort, wo wir ehrlich mit uns selbst werden. Wo wir aufhören, gegen uns zu kämpfen. Die Belohnung dafür ist etwas sehr Wertvolles: Selbstermächtigung. Das Gefühl, nicht mehr völlig ausgeliefert zu sein. Nicht mehr nur zu funktionieren oder sich anzupassen, sondern das eigene Leben bewusster mitzugestalten. Die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben. Sich selbst zu vertreten. Nicht aus Härte, sondern aus innerer Klarheit. Vielleicht magst du dich heute einmal fragen: Wo habe ich in letzter Zeit meine eigenen Grenzen übergangen? Wo habe ich ja gesagt, obwohl ich eigentlich nein meinte? Und wo darf ich beginnen, liebevoller mit mir selbst zu sein? Denn Selbstliebe ist kein Egoismus. Sie ist die Grundlage dafür, überhaupt gesund, verbunden und authentisch leben zu können.