Wut gehört für viele Menschen zu den unangenehmsten Gefühlen überhaupt. Sie kann uns überrollen, uns Dinge sagen oder tun lassen, die wir später bereuen, und sie kostet oft unglaublich viel Energie. Deshalb versuchen viele Menschen, ihre Wut zu unterdrücken, herunterzuschlucken oder möglichst schnell wieder loszuwerden. Doch vielleicht lohnt es sich, einen anderen Blick auf dieses Gefühl zu werfen. Vielleicht ist Wut nicht unser Feind. Vielleicht versucht sie uns etwas Wichtiges mitzuteilen.
Der Funke
Jeder kennt solche Situationen: Nach einem langen, anstrengenden Tag reicht manchmal eine Kleinigkeit aus, um eine heftige Reaktion auszulösen. Eine Bemerkung des Partners, ein Verhalten eines Kollegen oder eine Situation im Alltag bringt das Fass zum Überlaufen. Oft glauben wir dann, die Ursache unserer Wut liege ausschließlich im Außen. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich häufig etwas anderes. Der äußere Auslöser ist oft nur der Funke, der ein bereits vorhandenes inneres Thema entzündet.
Über 15 Sekunden ist es DEIN Thema
Die Trainerin Vera F. Birkenbihl vertrat die Ansicht, dass Ärger, der länger als etwa fünfzehn Sekunden anhält, häufig auf eigene ungelöste Themen hinweist. Die erste Reaktion auf einen Angriff oder eine Provokation ist dabei vollkommen normal. Unser Gehirn verfügt über uralte Schutzmechanismen, die ursprünglich unser Überleben sichern sollten. Die Amygdala, ein Bereich unseres Gehirns, reagiert auf Bedrohungen oft blitzschnell und aktiviert den Alarmmodus. Interessanterweise macht sie dabei kaum einen Unterschied zwischen einer tatsächlichen Gefahr und einer verletzenden Bemerkung. In diesem Moment schaltet unser System auf Verteidigung um. Der präfrontale Cortex, also der Teil unseres Gehirns, der für vernünftige Entscheidungen und bewusste Reaktionen zuständig ist, tritt zunächst in den Hintergrund. Deshalb reagieren wir manchmal impulsiver, als wir eigentlich möchten.
Der Schatten
Doch warum reagieren wir auf manche Situationen besonders stark, während andere Menschen dieselbe Situation kaum beachten würden? Hier lohnt sich ein Blick auf das Konzept der sogenannten Schattenanteile, das unter anderem von dem Psychologen Carl Gustav Jung geprägt wurde. Schattenanteile sind Persönlichkeitsanteile, die wir an uns selbst nicht gerne sehen oder die uns gar nicht bewusst sind. Dazu können Aggressionen, Ängste, Unsicherheiten oder ungeliebte Eigenschaften gehören. Was wir in uns selbst ablehnen oder verdrängen, begegnet uns oft im Außen. Deshalb kann es passieren, dass uns bestimmte Verhaltensweisen anderer Menschen besonders stark aufregen. Nicht selten berühren sie einen Punkt in uns, den wir selbst noch nicht ausreichend angeschaut haben.
Wut zeigt uns unsere Grenzen auf
Das bedeutet nicht, dass jede Wut unbegründet ist oder dass wir uns für verletzendes Verhalten anderer verantwortlich machen sollen. Wut kann auch ein wichtiges Signal dafür sein, dass eine Grenze überschritten wurde. Sie zeigt uns, dass etwas für uns nicht stimmig ist. Problematisch wird es jedoch, wenn wir entweder jede Wut sofort ausleben oder sie dauerhaft unterdrücken.
Viele Menschen haben gelernt, Konflikte zu vermeiden und Harmonie aufrechtzuerhalten. Sie lächeln über Dinge hinweg, die sie eigentlich verletzen oder ärgern. Langfristig verschwindet die Wut dadurch jedoch nicht. Sie sammelt sich im Inneren an. Irgendwann genügt dann ein kleiner Anlass, damit sich die aufgestaute Energie explosionsartig entlädt. Manche Menschen entwickeln stattdessen körperliche Symptome, leiden unter ständigem inneren Druck oder versuchen unangenehme Gefühle durch Essen, Ablenkung oder andere Strategien zu betäuben. Auch depressive Zustände können entstehen, wenn Gefühle über lange Zeit keinen Ausdruck finden dürfen.
Der Trick zu mehr Gelassenheit
Die gute Nachricht ist: Wir müssen unseren Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert sein. Zwischen dem Auslöser und unserer Reaktion gibt es einen kleinen, aber entscheidenden Moment. Wenn wir lernen, diesen Moment bewusst wahrzunehmen, gewinnen wir unsere Handlungsmöglichkeiten zurück. Bereits ein bewusster Atemzug kann helfen, den Alarmmodus zu unterbrechen und den präfrontalen Cortex wieder stärker einzubeziehen.
Hilfreich können dabei drei Fragen sein. Die erste lautet: Wird mich diese Situation in einem Jahr noch beschäftigen? Die zweite Frage ist: Verdient diese Person oder diese Situation wirklich meine wertvolle Energie? Und die dritte Frage lautet: Auf welche Reaktion werde ich in zwei Stunden stolz sein? Diese Fragen schaffen Abstand zwischen Reiz und Reaktion. Sie helfen dabei, nicht automatisch zu handeln, sondern bewusst zu wählen, wie wir mit der Situation umgehen möchten.
Manchmal genügt es auch, dem anderen Verständnis entgegenzubringen, ohne die Verantwortung für dessen Gefühle zu übernehmen. Ein Satz wie „Ich verstehe, dass dich das ärgert“ kann eine angespannte Situation oft entschärfen. Der andere fühlt sich gesehen und die Wahrscheinlichkeit eines Machtkampfes sinkt. Gleichzeitig bleiben wir bei uns und behalten die Kontrolle über unser eigenes Verhalten.
Wut kann dein Wegweiser sein
Wut muss also nicht bekämpft werden. Sie kann ein wertvoller Wegweiser sein. Sie macht uns auf verletzte Bedürfnisse, ungelöste Themen oder überschrittene Grenzen aufmerksam. Wenn wir lernen, genauer hinzuschauen, statt impulsiv zu reagieren oder alles herunterzuschlucken, kann Wut zu einer wichtigen Quelle von Selbsterkenntnis werden. Vielleicht liegt ihre eigentliche Aufgabe nicht darin, uns zu zerstören, sondern uns etwas über uns selbst zu zeigen. Und genau darin liegt die Chance: Nicht die Wut kontrolliert uns, sondern wir können lernen, bewusst mit ihr umzugehen und die Wahl darüber zurückzugewinnen, wie wir reagieren möchten.
Herzlichst Deine Andrea Götte