Früher fiel es mir unglaublich schwer, Zeit nur für mich einzuplanen. Andere Termine waren wichtig, Aufgaben mussten erledigt werden und sobald irgendwo noch etwas offen war, dachte ich: Erst mache ich das noch – und danach bin ich dran. Nur war dieses „Danach“ erstaunlich schnell wieder mit etwas Neuem gefüllt.
Vor einiger Zeit erzählte mir eine Patientin, dass sie sich eigentlich jeden Tag etwas in den Kalender einträgt, das nur für sie bestimmt ist. Eine kleine Me-Time. Doch in den vergangenen Wochen war so viel los, dass sie diese Verabredung mit sich selbst fast jeden Tag wieder durchgestrichen hatte. Manchmal geht es tatsächlich nicht anders. Es gibt Zeiten, in denen das Leben besonders voll ist und unsere Pläne durcheinanderwirbelt. Schwierig wird es dann, wenn wir uns daran gewöhnen, ausgerechnet die Zeit für uns selbst als Erstes zu streichen. Meine Patientin sagte, sie habe sich inzwischen völlig zerfleddert gefühlt. Gleichzeitig fiel es ihr immer schwerer, wieder in ihre frühere Routine zurückzufinden.
Vielleicht kennst du diesen Gedanken: Erst wenn alles erledigt ist, darf ich mich um mich kümmern. Doch wann ist wirklich alles erledigt? Meistens wartet schon die nächste Aufgabe, jemand braucht etwas oder uns fällt ein, was wir unbedingt noch machen könnten. Und so stehen alle möglichen Menschen und Verpflichtungen in unserem Kalender – nur wir selbst tauchen darin kaum noch auf.
Dabei muss die Verabredung mit dir nicht immer eine Stunde dauern und du musst auch nicht vorher festlegen, was du in dieser Zeit Sinnvolles tun wirst. Vielleicht blockst du dir zunächst einfach ein kleines Zeitfenster mit der Überschrift: „Verabredung mit mir.“ An einem ruhigen Tag können daraus 30 Minuten werden. An einem turbulenten Tag sind es vielleicht nur fünf. Fünf Minuten, in denen du bewusst atmest, kurz vor die Tür gehst, in Ruhe einen Kaffee trinkst, ein Lied hörst oder einfach einmal nichts tun musst.
Es geht nicht darum, aus der Selbstfürsorge eine weitere Aufgabe zu machen, die du perfekt erfüllen sollst. Es geht darum, den Kontakt zu dir nicht vollständig zu verlieren. Gerade wenn du dich zerfleddert fühlst, kann eine kleine, abgespeckte Version hilfreicher sein als der Anspruch, irgendwann wieder „richtig“ anzufangen. Du musst nicht warten, bis dein Alltag ruhiger geworden ist. Du darfst dir auch mitten im Trubel ein paar Minuten zurückgeben.
Vielleicht schaust du heute einmal in deinen Kalender und fragst dich: Wo stehe eigentlich ich? Und wenn gerade kaum Raum vorhanden ist: Was wäre die kleinste Verabredung mit mir selbst, die heute möglich ist?
Es muss nicht immer „mehr“ Zeit da sein. Du darfst dir jedoch erlauben, die wenige freie Zeit nicht immer zuerst an alle anderen zu vergeben.
Herzlichst Deine
Andrea Götte