Verantwortung – Was ist zu viel? –

Das Begriff Verantwortung ist derzeit ein Thema in meiner Lebenssituation und beschäftigt mich vermehrt. Auch in meiner Praxis taucht das Thema häufig auf und hängt mit vielen Gefühlen und meiner Ansicht auch Symptomen wie Erschöpfung und Niedergeschlagenheit zusammen. Die Frage ist für was und wen sind wir wirklich verantwortlich? Das ist so ein weites Feld, dass ich wahrscheinlich 20 Berichte dazu schreiben könnte und es mindestens dreimal so viele verschiedene Sichtweisen dazu gibt. Heute möchte ich von meinen Erfahrungen schreiben, sowohl privat als auch beruflich aus der Praxis. Mir geht es hier in erster Linie um die emotionale Verantwortlichkeit.

 

Wie viel Verantwortung hat ein Kind?

Erst einmal keine würden wir sagen oder? Nein das ist so auch nicht richtig und hängt natürlich vom Alter ab. Normalerweise bekommen die Kinder mit steigendem Lebensalter Verantwortungen zugetragen. Ob das nun die Versorgung von ihrem Haustier ist, oder die Schulaufgaben zu erledigen. Die Verantwortung für ihre Gefühle und Handlungen zu übernehmen, ist ein wichtiger Prozess und kann nur „gut“ laufen wenn die Eltern diese Verantwortung auch für sich selbst übernehmen. Oftmals ist es jedoch so, dass Eltern oder Bezugspersonen es auch nicht gelernt haben für sich, ihre Gefühle und Bedürfnisse einzustehen. Oft sind die Eltern in mancher Hinsicht auch noch Kinder, die nicht wissen was sie fühlen oder wie sie damit umgehen sollen. Sich für die eigenen Bedürfnisse einsetzen und diese wahrzunehmen, gehört für mich auch dazu. Doch wenn ich für mich selbst emotional nicht richtig sorgen kann wie kann ich es dann für meine Kinder? In den meisten Fällen versuchen die Eltern ihr Bestes, so erlebe ich das auch in der Praxis. Sowohl von Klienten und Klientinnen, die Eltern sind oder ihre Themen mit ihren eigenen Eltern behandeln. Differenziert Gefühle wahrnehmen, darauf eingehen und zu schauen was es wirklich braucht. Was steckt hinter meinen Gefühlen? Dies kann ein langwieriger Prozess sein die Wahrnehmung zu schulen und auch ich habe mich persönlich lange damit beschäftigt. D.h. ich tue es immer noch!
Um auf die Frage zurück zu kommen…. kleine Kinder haben meiner Ansicht nach erst einmal keine Verantwortung für irgendwen oder irgendwas. Sie sind einfach mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen. Es ist die Aufgabe des Umfelds, einen sicheren Rahmen zu schaffen und es den Kindern zu ermöglichen, ihre Gefühle kennen zu lernen. Sie dürfen herausfinden was sie wirklich brauchen, um ihre Bedürfnisse wieder ins Lot zu bringen.

 

Rollentausch

Oft ist es jedoch so, dass Kinder genau spüren wenn ihre Eltern überfordert sind oder es ihnen schlecht geht und übernehmen Verantwortung für diese, indem sie z.B. ihr Verhalten anpassen.  Bei Klienten und Klientinnen erlebe ich es oft, dass sie sich auch im Erwachsenenalter noch verantwortlich fühlen für die Emotionen von Mutter und Vater. Ob es den Eltern gut geht oder nicht, hängt in ihrer Wahrnehmung doch irgendwie mit ihrem Verhalten zusammen . Und auch wenn rational klar ist, dass sie mit der Gefühlswelt der Eltern nichts zu tun haben, klopft innerlich doch immer jemand an der sagt:“ Na, vielleicht hast du ja doch was gemacht, dass es ihnen so schlecht geht.“ Auch als Erwachsene tragen wir nicht die Verantwortung für das Erleben der Eltern oder anderer erwachsener Menschen in unserer Umgebung. Unsere Gefühle und Glaubenssätze sagen uns jedoch oft etwas anderes. „Hättest du das so und so gemacht, dann würde es der Person jetzt besser gehen“, „Das kannst du doch jetzt auch noch erledigen, dem anderen geht es ja noch schlechter als mir.“ Usw. es gibt unzählige Gedanken in unserem Kopf, die ein schlechtes Gewissen beschreiben.

 

Das Erbe zu viel Verantwortung zu tragen

Wenn ich mit den Menschen in meiner Praxis Übungen und Familienaufstellungen zu dem Thema Verantwortung und Abgrenzung mache, dann ist es sehr erstaunlich und berührend den Prozess zu verfolgen. Ein Teil der Arbeit ist es, dass Klienten in die Rollen der Eltern oder Familienangehörigen schlüpfen und  fühlen, was diese bewegt. Ja das hört sich verrückt an, aber es funktioniert wirklich. Oft ist den Klientinnen nicht bewusst wie hilflos sich die Eltern eigentlich fühlen und wie wenig Selbstvertrauen diese haben. Oft definieren sie sich über die Kinder und ihre Rolle als Eltern. Ein Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und was sie im Leben eigentlich für sich wollen ist oft kaum spürbar. Manche Erwachsene haben noch nicht gelernt, Verantwortung für sich in dieser Hinsicht zu übernehmen. Und so wird als Familientradition oft weitergereicht „erst wenn es dir gut geht, kann es mir auch gut gehen“. Als Kind ist das auch tatsächlich so. Es kann einem Kind nicht besser gehen als den Eltern, weil es abhängig ist. Deshalb versucht es erst einmal alles, um die Bezugspersonen zu entlasten und für eine „gute Stimmung“ zu sorgen.

 

Muster erkennen

Dieses Muster übernehmen wir häufig bis ins Erwachsenenalter. Bis wir erkennen, dass wir uns immer mehr verlieren und es den anderen trotzdem nicht besser geht. So geht es vielen meiner Klienten und Klientinnen. Und auch ich habe damit meine Erfahrungen gemacht. In der Arbeit mit meinen Klienten geht es erst einmal darum, dieses Muster überhaupt zu sehen. Dann wird meist die Vergeblichkeit darin erkannt, etwas „für“ den anderen tun zu wollen und damit vermeintlich alles zum Guten zu wenden. So funktioniert es meistens nicht. In erster Linie ist es meiner Erfahrung nach unsere Aufgabe, für unsere eigenen Bedürfnisse und Emotionen zu sorgen. Wenn wir das schaffen, können wir andere Unterstützen. Aber die Verantwortung was der andere mit dieser Unterstützung macht oder ob es ihm dann besser geht, haben wir nicht.

Mit der Verantwortung ist es so eine Sache. Wir müssen für uns klären wie viel wir davon übernehmen wollen und dabei zu versuchen, nicht in einen „Verantwortungs – Automatismus“ zu fallen. Dann haushalten wir mit unserer Kraft und sorgen dafür, dass es uns gut geht.

 

Herzlichst Ihre Andrea Götte