Hast du dir auch schon einmal gewünscht, keine Gefühle mehr zu haben? Vielleicht in einer Phase, in der es dir besonders schlecht ging. Oder zumindest auf die sogenannten „negativen“ Gefühle hättest du gut verzichten können.
Keine Angst mehr.
Keine Traurigkeit.
Keine Wut.
Keine Verzweiflung.
Wenn wir stattdessen einfach nur Freude und Liebe empfinden würden – wäre das nicht viel schöner?
Gefühle geben Tiefe
Einer meiner Patienten nimmt seit einiger Zeit Antidepressiva. Vor Kurzem sagte er zu mir: „Die tiefe Traurigkeit ist zwar deutlich weniger geworden. Aber ich spüre auch die Freude nicht mehr so wie früher. Irgendwie fehlt mir die Tiefe. Ich habe das Gefühl, ich erlebe das Leben gar nicht mehr richtig.“
Dieser Satz hat mich berührt.
Denn er zeigt etwas sehr Wichtiges: Unsere Gefühle gehören zusammen. Wir erleben das Leben in Polaritäten. Erst weil wir Traurigkeit kennen, können wir Freude in ihrer ganzen Tiefe erleben. Erst weil wir Angst kennen, wissen wir, wie sich Sicherheit anfühlt.
Im Buddhismus spricht man von der Buddha-Natur – unserem ursprünglichen Wesen, das von Frieden und innerer Freiheit geprägt ist. Dort gibt es kein Leiden mehr. Doch solange wir Menschen mit unserer Geschichte, unseren Erfahrungen und unseren Beziehungen durchs Leben gehen, gehören Gefühle zu unserem Menschsein dazu.
Die entscheidende Frage ist deshalb vielleicht gar nicht: Wie werde ich meine Gefühle los?
Sondern: Warum sind sie überhaupt da?
Auf den Spuren der Angst
Aus biologischer Sicht haben Gefühle eine wichtige Aufgabe. Angst schützt uns vor Gefahren. Wenn uns früher ein Säbelzahntiger gegenüberstand, war es überlebenswichtig, Angst zu empfinden. Sie versetzte unseren Körper in Alarmbereitschaft und half uns, schnell zu handeln. Heute stehen wir zum Glück nur noch selten einem Säbelzahntiger gegenüber.
Trotzdem reagiert unser Nervensystem manchmal noch so, als wäre Gefahr in Verzug.
Viele Ängste entstehen nicht durch eine reale Bedrohung im Hier und Jetzt, sondern durch Gedanken darüber, was alles passieren könnte. Sorgen, Grübeln oder Katastrophengedanken fühlen sich oft genauso bedrohlich an wie eine echte Gefahr.
In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, dass solche Ängste ein Hinweis auf frühere Erfahrungen sein können, die unser Nervensystem bis heute geprägt haben. Die ständige Sorge, dem Partner könnte etwas passieren, kann beispielsweise mit alten Verlust- oder Bindungserfahrungen zusammenhängen. Das bedeutet nicht, dass jede Angst ihre Ursache in der Kindheit hat. Aber manchmal lohnt sich genau dort ein genauer Blick.
Wut zeigt Grenzen auf
Auch Wut wird häufig als störend erlebt. Viele Menschen möchten sie am liebsten gar nicht fühlen.
Dabei frage ich mich oft:
Worauf möchte diese Wut eigentlich aufmerksam machen?
Nicht selten zeigt sie, dass Grenzen schon lange überschritten wurden. Dass wir immer wieder Ja gesagt haben, obwohl wir eigentlich Nein meinten. Dass wir unsere eigenen Bedürfnisse übergangen haben. Dann ist die Wut nicht das eigentliche Problem. Sie macht auf das Problem aufmerksam.
Ähnlich ist es mit Hilflosigkeit. Sie kann ein Zeichen dafür sein, dass wir schon viel zu lange alles alleine tragen. Dass wir erschöpft sind. Dass wir Unterstützung brauchen oder Verantwortung neu verteilen dürfen.
Das Navigationssystem
Natürlich gibt es nicht für jedes Gefühl eine einfache Erklärung. Und nicht jedes Gefühl enthält automatisch eine eindeutige Botschaft. Aber ich glaube, dass Gefühle viel mehr sind als bloße Reaktionen unseres Gehirns. Für mich sind sie ein inneres Navigationssystem. Sie führen uns zu unseren Bedürfnissen. Zu alten Verletzungen. Zu unseren Grenzen. Und manchmal auch zu den Teilen in uns, die wir lange übersehen haben.
Deshalb geht es in meiner Arbeit nicht darum, Gefühle möglichst schnell verschwinden zu lassen. Sondern darum, ihre Sprache wieder zu verstehen. Denn genau darin liegt für mich die Chance. Nicht nur Symptome zu lindern. Sondern sich selbst ein Stück näher zukommen. Vielleicht sind Gefühle deshalb gar nicht unser Gegner. Vielleicht sind sie einer der ehrlichsten Wegweiser auf dem Weg zurück zu uns selbst.
Herzlichst Deine
Andrea Götte