Du kommst von der Arbeit, hast zu Abend gegessen und sitzt endlich auf der Couch. Vielleicht läuft schon ein Film. Eigentlich bist du satt. Und trotzdem fehlt noch etwas: Chips, Schokolade, irgendetwas Herzhaftes. Da ist diese Unruhe, die dich nicht richtig ankommen lässt. Deine Gedanken wandern immer wieder zum Essen. Wenn du das kennst, kann es sich lohnen, neugierig hinzuschauen: Was wünsche ich mir gerade von diesem Essen? Vielleicht Genuss, Trost oder das Gefühl, endlich einmal selbst dran zu sein.
Anna kümmert sich immer um andere
Stell dir Anna vor, eine erfundene Beispielperson, deren Geschichte dir vielleicht vertraut vorkommt. Schon morgens bemerkt sie, dass ihr Partner stiller ist als sonst. Sofort fragt sie sich: Habe ich etwas falsch gemacht? Muss ich etwas sagen? Bei der Arbeit bittet eine Kollegin sie um Unterstützung. Anna sagt zu, obwohl ihr eigener Tag längst voll ist. Auf dem Heimweg kauft sie noch schnell ein und überlegt, worüber ihr Partner sich beim Abendessen freuen würde. Später sitzt sie neben ihm auf der Couch und ist innerlich immer noch auf Empfang: Ist ihm langweilig? Sollte ich etwas vorschlagen? Habe ich etwas vergessen? Niemand muss sie ausdrücklich um etwas bitten. Anna fühlt sich auch so zuständig. Sie nimmt die Stimmung anderer schnell wahr und versucht, dafür zu sorgen, dass alles gut ist. Wie es ihr selbst geht, bemerkt sie oft erst spät. Erst mit der Schüssel Chips auf dem Schoß verändert sich etwas. Jetzt darf sie sitzen bleiben. Jetzt genießt sie etwas. Solange sie isst, gibt es eine Beschäftigung, für die sie nichts erledigen und niemanden unterhalten muss. Dieser Moment gehört ihr. Vielleicht erkennst du dich darin wieder.
Emotionaler oder körperlicher Hunger?
Dann kann das abendliche Essen auch eine Möglichkeit sein, dir eine Pause zu erlauben, die im restlichen Tag kaum vorkommt. Mit dem letzten Bissen könnte sich dann schon wieder die Frage melden: Was muss ich jetzt noch machen? Dabei ist es hilfreich, zunächst auch den körperlichen Hunger ernst zu nehmen. Hast du tagsüber ausreichend gegessen? War zwischen den Mahlzeiten viel Zeit? Körperlicher Hunger entwickelt sich häufig allmählich, verschiedene Speisen erscheinen vorstellbar und nach einer ausreichenden Mahlzeit stellt sich meist Sättigung ein. Ein emotionaler Essimpuls kann plötzlich auftauchen, sich auf etwas Bestimmtes richten und trotz körperlicher Sättigung bestehen bleiben. Das sind Anhaltspunkte, keine eindeutige Trennlinie. Körperlicher Hunger, Appetit und der Wunsch nach Beruhigung können gleichzeitig da sein. Warum ist Anna überhaupt so stark mit den Bedürfnissen anderer beschäftigt? Vielleicht hat sie früh erfahren, dass Anpassung und Hilfsbereitschaft ihr Anerkennung und Nähe bringen. Wenn sie unkompliziert ist, mitdenkt und niemandem zur Last fällt, fühlt sie sich zugehörig. Harmonie kann dadurch mit Sicherheit verknüpft sein.
Ist meine Beziehung sicher?
Mit dem Bild des inneren Kindes lässt sich dieser Wunsch nach einer sicheren Verbindung beschreiben: Ist alles gut zwischen uns? Bin ich willkommen, auch wenn ich gerade nichts für dich tue? Wer sich solche Fragen innerlich immer wieder stellt, richtet viel Aufmerksamkeit nach außen. Für die eigenen Empfindungen bleibt dann wenig Raum. Vielleicht weißt du sehr genau, was dein Partner, deine Kinder oder deine Kolleginnen brauchen. Die Frage „Was brauche ich gerade?“ fühlt sich dagegen ungewohnt an. Möglicherweise merkst du zwar, dass etwas fehlt, kannst aber noch nicht unterscheiden, ob es Ruhe, Rückzug, Nähe, Freude oder Entlastung ist. Essen ist dann eine vertraute und leicht verfügbare Möglichkeit, dir etwas Gutes zu tun. Deshalb greift der Rat „Lass die Snacks einfach weg“ oft zu kurz. Der Wunsch, der damit verbunden ist, bleibt schließlich bestehen.
Drei hilfreiche Fragen
Wenn du diesen Essimpuls das nächste Mal bemerkst, kannst du einen Moment innehalten und dich fragen: Braucht mein Körper gerade Nahrung? Was wünsche ich mir von diesem Moment? Und wenn ich mir das Essen wegdenke, was würde mir am meisten fehlen? Vielleicht ist es der Genuss. Vielleicht das Gefühl, versorgt zu sein. Vielleicht die Erlaubnis, einfach sitzen zu bleiben. Du musst dabei keine richtige Antwort finden und auch nichts sofort verändern. Du darfst essen. Gleichzeitig kannst du erkunden, was dir darüber hinaus guttun könnte. Brauchst du Ruhe, könnte es ein paar Minuten Stille oder ein warmes Bad sein. Wünschst du dir Verbindung, tut dir vielleicht ein Gespräch mit einer Freundin gut. Möchtest du wieder etwas Eigenes spüren, könntest du zeichnen, Musik hören oder ein paar Gedanken aufschreiben. Entscheidend ist, ob es sich für dich gerade stimmig anfühlt. Auch eine Meditation kann zur nächsten Aufgabe werden, wenn du eigentlich etwas ganz anderes möchtest. Und vielleicht stellst du fest, dass du deinen Snack genießen und dir anschließend trotzdem noch Zeit für dich nehmen möchtest.
Komme ich in meinem Tag eigentlich vor?
Ein weiterer Blick lohnt sich auf den Tag davor: Wo kommst du darin eigentlich vor? Gibt es Momente, in denen du dich wahrnimmst, bevor du am Abend erschöpft auf der Couch ankommst? Kleine Rituale können dich daran erinnern. Eine gelegentliche Erinnerung im Handy, ein Zettel am Bildschirm oder der erste Schluck Tee können ein Anlass sein, kurz bei dir anzukommen: Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Vielleicht bemerkst du müde Schultern, einen leeren Magen oder den Wunsch, für ein paar Minuten niemandem antworten zu müssen. Du musst jedes Bedürfnis weder sofort erfüllen noch daraus eine neue Aufgabe machen. Zunächst darf es darum gehen, dich selbst wieder mitzubekommen. Mit der Zeit kannst du ausprobieren, dir kleine Freiräume zu nehmen und zu erleben: Ich darf bei mir sein und trotzdem mit anderen verbunden bleiben. Eine Beziehung darf auch dann sicher sein, wenn ich gerade nichts leiste, niemanden unterhalte und nicht jede Stimmung auffange. Deine Bedürfnisse haben einen Platz in deinem Tag verdient. Und deine Pause muss nicht mit dem letzten Bissen enden.
Herzlichst Deine
Andrea Götte