Endlich Pause – und trotzdem innerlich unruhig

Eine Freundin erzählte mir vor Kurzem von einem Gefühl, das wahrscheinlich viele Menschen kennen. Ihr Alltag mit zwei Kindern ist voll, eine Aufgabe folgt auf die nächste, und wenn sich zwischendurch endlich fünf Minuten ergeben, setzt sie sich hin und denkt: „So, jetzt muss ich mich aber entspannen. Ich habe schließlich nur diese fünf Minuten.“ Eigentlich soll dieser kleine Moment eine Pause sein. Doch kaum sitzt sie, läuft in ihrem Kopf alles weiter: Was muss heute noch erledigt werden? Habe ich etwas vergessen? Wann muss ich wieder los? Gleichzeitig entsteht der Anspruch, diese kostbare freie Zeit unbedingt sinnvoll zu nutzen. Der Körper soll herunterfahren, der Kopf still werden und die eigene Energie möglichst innerhalb weniger Minuten wieder vollständig aufgeladen sein. Fünf Minuten Pause – mit dem Erholungswert eines dreiwöchigen Urlaubs. Und während sie noch überprüft, ob die Entspannung endlich eintritt, sind die ersten Minuten bereits vorbei. Aus der Pause ist unbemerkt die nächste Aufgabe geworden.

 

Entspannen – die nächste Aufgabe

Vielleicht kennst du das auch. Du sitzt zwar auf dem Sofa, aber innerlich arbeitest du weiter. Du möchtest zur Ruhe kommen, bemerkst jedoch, dass deine Gedanken kreisen, dein Körper angespannt bleibt oder du am liebsten sofort wieder aufspringen würdest. Dann kommt womöglich noch der Gedanke hinzu: „Warum kann ich nicht einfach abschalten?“ Plötzlich entsteht nicht nur Unruhe, sondern auch das Gefühl, selbst beim Entspannen etwas falsch zu machen.
Dabei lässt sich unser inneres System nicht auf Knopfdruck umschalten. Ein Bild, das diesen Zusammenhang sehr anschaulich beschreibt, ist das Schwungrad. Wenn ein großes Rad lange und kräftig angetrieben wurde, bleibt es nicht in dem Moment stehen, in dem niemand mehr anschiebt. Es läuft durch seinen eigenen Schwung noch eine ganze Weile weiter. Genauso kann es unserem Körper und unserem Nervensystem gehen. Der Terminkalender hat vielleicht gerade eine Lücke, die Arbeit ist für einen Moment beendet und äußerlich sitzen wir bereits still. Doch innerlich läuft das System noch nach.

 

Bemerken was da ist

Das bedeutet nicht, dass du nicht entspannen kannst. Es bedeutet auch nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt. Dein Körper braucht möglicherweise einfach länger als dein Kalender. Schwierig wird es häufig erst dann, wenn wir das innere Schwungrad mit aller Kraft anhalten wollen. „Ich darf jetzt nicht unruhig sein.“ „Ich muss loslassen.“ „Ich muss diese Pause nutzen.“ Doch auch das sind wieder Arbeitsaufträge. Unser Nervensystem bekommt keine Pause, sondern eine neue Aufgabe.
Vielleicht beginnt Entspannung deshalb gar nicht damit, dass sofort alles ruhig wird. Vielleicht beginnt sie in dem Moment, in dem du wahrnimmst, dass du gerade unruhig bist. Wenn du bemerkst, dass deine Gedanken längst wieder bei der nächsten Aufgabe sind, dann bist du für diesen kurzen Moment bereits im Hier und Jetzt. Denn du hast wahrgenommen, was gerade in dir geschieht.
Du musst die Gedanken nicht anhalten, die Anspannung nicht wegatmen und die Unruhe nicht beseitigen. Du darfst zunächst einfach feststellen: „Aha, so ist es gerade.“ Und wenn du bemerkst, dass du dich dafür bewertest, kannst du auch das wahrnehmen. Es geht nicht darum, besonders gut oder besonders richtig achtsam zu sein. Sonst wird selbst die Achtsamkeit wieder zu einem kleinen Leistungsprojekt.

 

Drei Fragen die dir helfen können

Wenn du das nächste Mal ein paar freie Minuten hast und dein inneres Schwungrad weiterläuft, können dir drei Fragen helfen:

Was ist gerade wirklich da?
Was nimmst du in deinem Körper wahr? Vielleicht Druck im Brustkorb, einen flachen Atem, Spannung im Nacken oder den Impuls, sofort wieder aufzustehen. Welche Gedanken ziehen gerade durch deinen Kopf? Versuche, nichts zu erklären oder zu verändern. Nimm nur wahr.

Was verlange ich gerade von mir?
Vielleicht findest du einen inneren Auftrag wie: „Ich muss mich jetzt entspannen“, „Ich muss neue Kraft tanken“ oder „Danach muss ich wieder funktionieren.“ Auch dieser Anspruch muss nicht bekämpft werden. Es reicht, ihn zu erkennen.

Was darf für diese fünf Minuten so bleiben?
Dürfen deine Gedanken noch ein wenig kreisen? Darf dein Körper noch angespannt sein? Darf das innere Schwungrad weiterlaufen, ohne dass du es sofort stoppen musst? Du könntest dir sagen: „Ich muss mich jetzt nicht entspannen. Ich darf einfach fünf Minuten hier sitzen – auch unruhig.“

 

5 Minuten ohne „Müssen“

Akzeptanz bedeutet nicht, dass du deine Anspannung für immer behalten oder alles gut finden musst. Sie bedeutet zunächst nur, dass du aufhörst, gegen den gegenwärtigen Moment anzukämpfen. Und möglicherweise entsteht gerade dadurch ein wenig mehr Raum.
Entspannung beginnt nicht immer dann, wenn endlich alles still ist. Manchmal beginnt sie bereits in dem Moment, in dem du nichts mehr aus dir machen musst. Dein inneres Schwungrad darf noch nachlaufen. Deine Gedanken dürfen noch unterwegs sein. Und deine fünf Minuten müssen nichts leisten – noch nicht einmal Entspannung.