Viele Menschen, die mit ihrem Gewicht kämpfen, glauben, ihnen fehle einfach die nötige Disziplin. Sie nehmen sich vor, weniger zu essen, gesünder zu leben oder endlich abzunehmen, und wenn es nicht klappt, machen sie sich oft selbst Vorwürfe. Doch was, wenn genau das Gegenteil der Fall ist? Was, wenn du gar nicht zu wenig Disziplin hast, sondern vielleicht sogar zu viel?
Hunger nach einer Auszeit
Vor einiger Zeit saß ich mit einer Frau zusammen, die eine verantwortungsvolle Leitungsposition innehatte. Sie beschrieb sich selbst als sehr pflichtbewusst, zuverlässig und diszipliniert. Den ganzen Tag über war sie damit beschäftigt, Erwartungen zu erfüllen, Aufgaben zu organisieren, Verantwortung zu tragen und vorauszuahnen, was andere von ihr brauchen könnten. Als ich sie fragte, was sie abends nach der Arbeit macht, sagte sie: „Dann gehe ich zum Kühlschrank. Ich hole mir etwas zu essen, nehme Schokolade oder Chips dazu und esse.“ Sie wusste sehr genau, dass es emotionales Essen war. Für sie bedeutete Essen Ruhe. Eine Pause von den Erwartungen anderer. Eine Auszeit von Verantwortung und Pflichtgefühl. Niemand wollte etwas von ihr. Niemand stellte Anforderungen. Sie musste nichts leisten. Sie durfte einfach nur sein. Würde jemand behaupten, dieser Frau fehle Disziplin? Vermutlich nicht.
Wir unterdrücken oft unsere Bedürfnisse
Und genau das beobachte ich bei vielen Menschen, die unter emotionalem Essen oder Übergewicht leiden. In anderen Lebensbereichen verfügen sie oft über enorme Willenskraft, Durchhaltevermögen und Selbstkontrolle. Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass wir täglich mehrere Stunden damit verbringen, Bedürfnisse zu unterdrücken oder aufzuschieben. Besonders häufig betrifft das den Wunsch nach Essen, Schlaf oder einer Pause während der Arbeit. Wenn wir also einen großen Teil unseres Tages damit verbringen, Bedürfnisse nicht zu erfüllen, spricht das eher für Disziplin als dagegen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob du diszipliniert bist, sondern wofür du deine Disziplin einsetzt. Emotionales Essen entsteht nicht auf der Ebene des Verstandes. Es entsteht auf der Gefühlsebene. Es ist eine Form der Regulation unseres Nervensystems. Wenn wir über längere Zeit unter Druck stehen, Erwartungen erfüllen, funktionieren und uns zusammenreißen, entsteht ein natürliches Bedürfnis nach Entlastung. Unser System sucht nach einem Ausgleich. Für Menschen mit emotionalem Essen wird Nahrung häufig zu genau diesem Ausgleich.
Essen als Ersatz
Oft beginnt diese Verknüpfung bereits in der Kindheit. Essen wurde zum Trost, zur Belohnung, zur Beruhigung oder zum Ersatz für etwas, das emotional gefehlt hat. Vielleicht gab es Süßigkeiten bei Kummer, etwas zu essen gegen Langeweile oder besondere Leckereien als Anerkennung für gutes Verhalten. So entsteht mit der Zeit eine tiefe Verbindung zwischen Essen und bestimmten Gefühlen wie Sicherheit, Geborgenheit, Trost oder Entspannung. Deshalb greift der reine Wille oft zu kurz. Wenn ein emotionales Bedürfnis dahintersteht, kann man es nicht dauerhaft mit Disziplin lösen. Es ist, als würde man versuchen, eine emotionale Frage mit einem rein rationalen Werkzeug zu beantworten.
Die hilfreiche Frage an dich selbst
Viel hilfreicher ist die Frage: Was möchte ich eigentlich mit dem Essen bewirken? Was brauche ich in diesem Moment wirklich? Geht es um Trost? Um Entspannung? Um eine Pause? Um Sicherheit? Um das Gefühl, nicht mehr funktionieren zu müssen? Diese Fragen laden dazu ein, neugierig auf sich selbst zu werden. Beobachte dich in den nächsten Tagen einmal. Wenn der Impuls entsteht, etwas zu essen, halte kurz inne und frage dich: Welches Bedürfnis steckt gerade dahinter? Was wünsche ich mir in diesem Moment wirklich? Wenn du das herausgefunden hast, kannst du beginnen, neue Wege zu entdecken, dieses Bedürfnis zu erfüllen. Vielleicht brauchst du Ruhe und gönnst dir stattdessen einen Spaziergang, ein gutes Buch oder ein Hörbuch auf dem Sofa. Vielleicht brauchst du Nähe und rufst eine vertraute Person an. Vielleicht brauchst du Trost und lernst, dir selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen. Wichtig ist dabei, geduldig zu bleiben. Neue Gewohnheiten entstehen nicht über Nacht. Sie brauchen Zeit, Wiederholung und die Bereitschaft, verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren.
Sei neugierig auf Dich!
Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, sich selbst besser kennenzulernen. Emotionales Essen kann deshalb auch eine Einladung sein, wieder mehr in Kontakt mit sich selbst zu kommen. Mit dem eigenen Körper. Mit den eigenen Gefühlen. Mit den Bedürfnissen, die vielleicht lange übergangen wurden. Denn hinter dem Wunsch zu essen verbirgt sich oft etwas viel Wertvolleres: der Wunsch nach Verbindung. Verbindung zu dir selbst und zu dem, was deine Seele wirklich braucht.
Herzlichst Deine Andrea Götte